Zim Zum – Gerlind Ammon-Schad
Rückzug schafft Weite
12.05.2026 6 min
Zusammenfassung & Show Notes
Zim Zum. Rückzug schafft Weite.
Geschrieben und geschrieben von Gerlind Ammon-Schad
Erschienen im Salzkorn 2/2026, focus
Geschrieben und geschrieben von Gerlind Ammon-Schad
Erschienen im Salzkorn 2/2026, focus
Das Salzkorn erscheint viermal im Jahr und kann im kostenfreien Abonnement bezogen werden. Mit dem Salzkorn möchten wir christliche Werte an die nachfolgende Generation und die Ermutigung zu Engagement in Kirche und Gesellschaft vermitteln. Mit unseren Beiträgen setzen wir uns kritisch-innovativ mit kulturellen und geistigen Strömungen der Zeit auseinander und beleuchten sie aus biblischer Sicht.
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Die Offensive Junger Christen – OJC e.V. ist eine ökumenische Kommunität innerhalb der Ev. Kirche, die sich für eine Erneuerung in Kirche und Gesellschaft einsetzt.
Transkript
Zim zum Rückzug schafft Weite. Gleich zu Beginn drei Schwergewichte. Christus
zentriert Leben, schöpferisch Denken, gesellschaftlich Handeln. Indem wir so
leben, wollen wir unseren Auftrag, jungen Menschen in Christus Heimat,
Freundschaft und Richtung zu geben, umsetzen. Leben, Denken, Handeln. Nicht
irgendwie, sondern mit dem Fokus auf Christus, schöpferische Kreativität und die
Gesellschaft. Kriegen wir das hin? mit so vielen unterschiedlichen Menschen? Die
größte Herausforderung besteht darin, Raum zu geben, sich zurückzunehmen. Nicht
alles von mir, meinem Stil, meiner Lesart erfüllt sein zu lassen, sondern eine
Lücke für den anderen, sei es Mensch oder Gott, zu schaffen. Nur durch diese
bewusste Begrenzung kann Dialog entstehen. Nur durch das Bejahen der Leere kann
Neues werden. Durch Loslassen entsteht ein Raum des Ermöglichens, Lernens und
Wachsens. Zu abstrakt? Vielleicht kann ein Beispiel helfen. Ein Kind lernt nur
dann laufen, wenn wir es nicht stützen. Es muss die Leere spüren, um sein
Gleichgewicht im Raum zu halten. Es kann sich nur zwischen Himmel und Erde
aufrichten, wenn es die Schwerkraft spürt und die eigene Kraft dagegen setzt. Den
Fuß vom Boden lösen, das Schweben austarieren, ihn einige Zentimeter weiter
wieder auf den Boden setzen. Wenn ich meine Hände um seine Fußknöchel lege und den
Schritt für das Kind ausführe, lernt es nicht laufen. Ich muss mich zurücknehmen,
das Fallen und Weinen in Kauf nehmen. Gerade das, was hier fehlt, mein Festhalten
und Handeln, macht möglich, dass das Kind laufen lernt. Und doch ist es umgeben vom
Schutz der Eltern. Ein kleiner Finger reicht, um ein wenig Halt zu geben. Diese Idee
des Sich-Zurück-Ziehens findet sich seit dem 16. Jahrhundert in der Kavala, einer
mystischen Tradition des Jugendtums. Isaac Luria hat seine Schüler in Galiläa mit
einer neuen Lehre inspiriert. Vom Zim-Zum hat er gesprochen, das Zurückziehen,
Zusammenziehen bedeutet. Er ging der Frage nach, wie das zugehen konnte, als Gott
die Welt geschaffen hat. Wenn Gott alles in allem ist, wenn sein Licht alles
durchdringt, wie konnte dann daneben noch etwas anderes Platz haben? Für etwas
Neues braucht es doch einen leeren Raum. Luria beschrieb es so. Gott zieht sich
zurück. Es entsteht in seiner Mitte sozusagen ein kreisförmiges Vakuum, in dem
Gott nicht ist. Da hinein kann die Welt entstehen. Die Welt aber ist umgeben von
Gott, in seiner Mitte entstanden und geborgen. Schöpferisches Denken braucht den
Leerraum. Zimtzum drückt aus, dass es Orte gibt, die Gott verlassen hat. Das ist
beunruhigend. Ahnend frage ich, ist nur so wahre Beziehung möglich? Die
Entstehung eines Ichs, das nicht Gott ist, ein Gegenüber also? In einem Universum,
das völlig von Gott ausgefüllt ist, gäbe es keinen Raum für eine eigenständige
Existenz. Gott hat Raum gemacht, damit wir sein können. Raum schaffen ist
allerdings etwas anderes, als das Feld zu räumen. Gott macht Platz für uns, aber in
seiner Mitte. Der Schöpfer Logos zog sich zusammen, bis auf die Größe eines Babys,
als er Mensch wurde, als er, wie im Philippabrief beschrieben, sich selbst
entäußerte. Dann, als er starb und als er auferstand. Raum schaffen, damit andere
sein können. Das ist im Tiefsten das Thema in jeder Freundschaft, jeder Ehe, aber
auch im Zusammenleben der Generationen, Geschlechter und Nationen. Wer sich
selbst zurücknimmt, kann dem anderen begegnen. Wirkliche Kommunikation wird
möglich, wo die Menschen schweigen und einander zuhören. Auch hier lässt man Raum,
macht Platz für die Welt des Anderen. Gerade der Hohlraum des Fehlenden ermöglicht
Neues. Gesellschaftliches Handeln braucht diesen Raum. Dieses Zurücknehmen,
diese Fokussierung führt immer in die Weite. So ist das. Begrenzung schafft Raum
für andere. Und das wiederum erweitert meinen Horizont. Diese Wirklichkeit
schillert in den Worten aus der OJC-Grammatik zum Abschnitt Hingabe. Sich
hingeben heißt sich riskieren. Unser Leben ist hoch riskant. Wir verschenken uns
an Jesus Christus. Wir erkennen an, dass wir ihm gehören. Und wir tun es freiwillig,
entschieden und mündig. Nicht aus Angst, sondern im Vertrauen. Nicht unter Druck,
sondern in Freiheit. Nicht unbedacht, sondern nach reiflicher Überlegung. Lerne
deinen eigenen Willen kennen und artikulieren. Sei bereit, ihn auch loszulassen.
Im Vertrauen, dass Frucht daraus wächst. Du musst dich nicht durchsetzen. Hingabe
an Gott bedeutet, dein Wille geschehe. Aus einer Gemeinschaft hingegebener
Menschen lässt Gott etwas hervorgehen, was unsere Möglichkeiten übersteigt. ein
Gefäß seines Heiligen Geistes. Das ist das Geheimnis von Zimtzum. Wahre Fülle
entsteht durch Begrenzung, durch Fokus. Gerade durch das, was wir weglassen,
besser noch hingeben, entsteht Neues, das über uns hinausweist.
Christus-zentriertes Leben braucht Hingabe. Das Kind lernt laufen.
Aufgerichtet zwischen Himmel und Erde leben, weben und sind wir. Im Raum, den Gott
für uns geräumt hat und doch umgeben von ihm. Dieser Text ist im Salzcon, dem Magazin
der OJC, erschienen. Das Salzcon beschäftigt sich mit theologischen und
gesellschaftspolitischen Themen. Es erscheint viermal im Jahr gedruckt und
online und ist für unsere Abonnenten komplett kostenfrei. Weitere Infos findest
du unten in der Beschreibung.